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Baden-Württembergische Literaturtage

Bild - Baden-Württembergische Literaturtage
Vom 13. März bis zum 05. April 2025 ist Ettlingen nach 1999 und 2021 bereits zum dritten Mal die Literaturhauptstadt von Baden-Württemberg. Kulturamtsleiter Christoph Bader, der mit seinem Organisationsteam unter dem Motto „Heimat(en)“ ein abwechslungsreiches Programm zusammgestellt hat, sprach mit uns.


Wie sind Sie auf das Motto „Heimat(en)“ gekommen, das Sie für die Baden-Württembergischen Literaturtage gewählt haben?
Oft wird in der Politik die Heimat mit der Frage nach dem Pass gleichgesetzt. Wie etwas, das man wechselt, aber von dem man nicht mehrere haben kann, sondern sich entscheiden muss. Die Literatur in deutscher Sprache zeigt uns aber, wie wunderbar poetisch jemand auf Deutsch schreiben kann und dabei mehr als eine Heimat hat. Navid Kermani, Ilija Trojanow und Jagoda Marini
, die alle zu den Literaturtagen kommen und viele weitere sind dafür großartige Beispiele. Die deutsche Literatur wäre furchtbar arm ohne diese Stimmen, der deutsche Film ebenso. Deshalb freue ich mich, dass wir mit Murad Abu Eisheh auch einen international gefragten Autorenfilmer im Kino Kulisse zu Gast haben werden, dessen Filme bereits zwei Mal mit dem „Student Oscar“ ausgezeichnet wurden.

Was bedeutet „Heimat“ bzw. „Heimaten“ für Sie?
Den Begriff „Heimat“ gibt es im Duden nur in der Einzahl. Aber das trifft ja auf viele von uns gar nicht mehr zu. Und damit meine ich nicht nur, wenn jemand in Polen geboren ist und seit zehn Jahren in Deutschland lebt. Oder die Großeltern aus Italien oder dem damaligen Jugoslawien eingewandert sind. Viele von uns sind aus Hessen, Rheinland-Pfalz oder Sachsen nach Ettlingen und in die Region gekommen, weil sie hier eine Stelle gefunden haben, die für sie passt oder weil sie am KIT studieren wollten. Heimaten kann der Mensch mehr als eine haben. Und sind Heimaten nicht ein Sammelsurium an Gefühlen, die mir kommen, wenn ich das Haus meiner Eltern betrete oder den Spazierweg an der Alb entlang gehe, den die Großeltern früher mit mir gingen?

Wie sind Sie auf Nora Krug und deren Graphic Novel „Heimat“ aufmerksam geworden?
Das war ein Tipp meines geschätzten ehemaligen Kollegen Claus Temps aus dem Karlsruher Kulturamt. Als wir die erste Graphic Novel-Ausstellung in Ettlingen geplant haben, empfahl er mir das Buch. Aus dem Tipp entwickelte sich ein ganzes Programm. Denn es ist wichtig, dass das Thema Heimaten auch eine Suche nach unseren eigenen Wurzeln ist.

Können Sie bitte ein wenig mehr über die begleitende Ausstellung dazu im Horbachpark erzählen?
Nora Krugs Werk erzählt die Geschichte der Familien ihrer Eltern während des Nationalsozialismus. Wir zeigen im Horbachpark auf großen A0-Plakaten zwei Kapitel zu der Geschichte ihres Großvaters Willy, der Fahrlehrer in Karlsruhe war. Es geht um Mitläufer in der Diktatur. Durch die großen Plakate lassen sich viele schöne Details der Buchseiten betrachten. Außerdem war mir wichtig, dass die Ausstellung möglichst viele Menschen sehen. Daher ist sie im öffentlichen Raum jederzeit und kostenlos zugänglich. Am 2. Mai kommt Nora Krug zur Finissage persönlich zu Besuch und wird von der Entstehung ihres Werks berichten.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Autoren und Autorinnen ausgesucht, die zu Gast bei den Literaturtagen sein werden?
Eine Hand voll sollte das Thema aufgreifen, eine Hand voll mit Bezug zur Region und zu Baden-Württemberg. Eine Hand voll aktuelle Formate, die mehr als die klassische Lesung bieten. So kam es zu dem Abend mit den Exit- bzw. Escaperoomspielen, der Kinoabend, Poetry- und Singersongwriterslam und ganz wichtig: eine Hand voll Empfehlungen unserer Buchhändlerinnen und Kolleginnen der Stadtbibliothek vor Ort. Sie kennen das Publikum am besten.

Was ist das Faszinierende an Navid Kermani und Ilija Trojanow?
Beide geben Menschen eine Stimme, die sonst keine haben. Trojanow in seinem Buch „Nach der Flucht“ den Geflüchteten. Und er nimmt den Leser mit in die Gedanken eines Geflüchteten. Und Kermani bringt einen bewegenden Reisebericht aus Ostafrika mit, wo er für die ZEIT auf Reisen war. Darin erzählt er von dem Wettlauf um Bodenschätze, den Folgen des Klimawandels und Grundfragen der Existenz. Durch das ganze Buch zieht sich der rote Faden der Musik und Kultur der Menschen vor Ort. Der Abend wird eine Reise von Madagaskar über Mosambik, Kenia und Äthiopien bis in den Sudan.

Gibt es eine Veranstaltung, auf die Sie sich besonders freuen?
Auf alle oben genannten. Und auf die Eröffnung mit Jagoda Marini
. Eine Besonderheit ist aber der Exitspiele-Abend mit Inka und Markus Brand, weil man ihn bei den Literaturtagen nicht unbedingt erwartet. Das Autorenpaar der Exit-Spiele von Kosmos wird berichten, wie sie die Rätsel in den Spielen entwickeln, Jens Baumeister wird aus den Exit-Büchern lesen und dann werden wir alle gemeinsam rätseln.

Was wird bei der Schlosskulturnacht geboten?
Mit einem Ticket gibt es Programm im ganzen Schloss von 18 bis 23:30 Uhr. Die Programmpunkte dauern 30-45 Minuten und reichen von Klavierkabarett, Schauspiel, Lesungen, Chorkonzert, SingerSongwriter bis zu Comedy. Es gibt die komplette Bandbreite von leicht-lockerer Unterhaltung bis zu literarisch anspruchsvollen Texten, stimmungsvoll beleuchtet in den traumhaft schönen Räumen des Ettlinger Schlosses. Die Schlosskulturnacht ist ein großes Geschenk ans Publikum.

Welche weiteren Veranstaltungen werden noch angeboten?
Florian Schroeder kommt mit seinem Buch „Unter Wahnsinnigen. Warum wir das Böse brauchen“. Er legt den Finger in die Wunde, dass wir uns in der westlichen Welt doch so gerne als die moralisch Guten fühlen, die sich von den moralisch Bösen abgrenzen. Im Gespräch mit SWR-Moderatorin Stephanie Haiber spricht er über seine Begegnungen u. a. mit einem NATO-Soldaten, einem Holocaust-Leugner im Gefängnis und Aktivisten der Letzten Generation. Außerdem sollten Sie unbedingt zur Eröffnung der Literaturtage mit Tänzern, einem tollen Songwriter und Jagoda Marinić kommen. Heribert Prantl schrieb über Marinics Roman „Restaurant Dalmatia“ schlicht und treffend „Große Kunst“. Es ist aber auch ein tolles Buch, weil die Geschichte so packend erzählt wird wie ein Film von Fatih Akin - und die Zerrissenheit der zweiten Generation von Migranten beschreibt. Und bei Christine Westermann sollte man sich beeilen, um noch ein Ticket zu ergattern.
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Bild: Effekte Karlsruhe