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Archiv: 09.2024
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Theater für diese Stadt

Christian Firmbach neuer Staatstheaterintendant

Bild - Theater für diese Stadt
Herr Firmbach, im September beginnt Ihre Amtszeit als Intendant am Badischen Staatstheater. Dass diese Stelle frei wurde hat mit einer großen Theaterkrise unter Ihrem Vorvorgänger zu tun. Spüren sie da eine besondere Herausforderung?

Christian Firmbach: Die Herausforderung ist ja selbst gewählt. Ich hätte gut in Oldenburg bleiben können, und nach zehn Jahren war der Abschied schmerzhaft. Aber ich glaube die Leitung insbesondere von künstlerischen Betrieben bedarf immer wieder der Erneuerung und das Publikum ist neugierig und hat ein Recht auf neue Impulse. Die Belegschaft hier ist unglaublich zugewandt und freut sich, dass jetzt eine neue Intendanz beginnt. Ulrich Peters hat die Wogen geglättet und mir den Weg bereitet, wofür ich sehr dankbar bin. Der begonnene Reformprozess hatte sehr positive Auswirkungen auf das Betriebsklima und das Selbstbewusstsein der Mitarbeitenden. Ich selbst verstehe mich als primus inter pares und stehe für flache Hierarchien. Damit bin ich in Oldenburg sehr gut gefahren. Als größte Herausforderung empfinde ich, den Theaterbetrieb so durch diese Baustellenzeit zu führen, dass wenn wir 2028 das Opernhaus räumen müssen, das Publikum so viel Vertrauen in uns entwickelt hat, dass es uns an Ausweichorte folgt.

Als Sie vor zwei Jahren auf diese Stelle berufen wurden, gab es Stimmen, die von einem Neustart ohne Mut sprachen. Stimmt es, dass Sie für ein konventionelleres Theater stehen?

Firmbach: Als Opernmann bin ich vielleicht etwas konservativer. Im Grunde kümmern mich solche Begrifflichkeiten wenig, ich interessiere mich viel mehr für die künstlerische Qualität und dafür, die Herzen der Menschen zu erreichen. Ich will Theater für diese Stadt machen und da tickt Leipzig sicher anders als Karlsruhe und Berlin anders als München. Es geht darum, dass sich Publikum und Theater mit einem programmatisch und ästhetisch gut austarierten Angebot ineinander verlieben. Dafür braucht es ein breites Angebot im Spielplan, wobei ich mich immer dafür engagiere, den Stückekanon aufzubrechen und die Neugierde des Publikums auch auf Stücke abseits des Gewohnten zu wecken.

Das Badische Staatstheater hat im vergangenen Mai die Ergebnisse eine sehr tiefgehenden Publikumsbefragung veröffentlicht. Gibt es da Ergebnisse, die Sie überrascht haben und die Ihnen Handlungsbedarf anzeigen?

Firmbach: Es ist sicherlich bedenkenswert, dass nicht nur das Theater an sich zählt, sondern in der Beurteilung mehr und mehr auch das Drumherum wie die Verweilqualität vor und nach der Vorstellung, das Catering, der Reiz untypischer Spielorte oder ungewöhnliche Angebote eine Rolle spielen. Gerade auch um jüngere Menschen anzusprechen, müssen wir unsere Normalsituation aufbrechen. Die Schulen sind uns wichtige Partner, um sicherzustellen, dass junge Menschen zwischen vier und 18 Jahren mit dem Phänomen Theater in Berührung kommen.

Im Schauspiel bleibt unter Ihrem neuen Schauspieldirektor Claus Caesar ein Großteil des Ensembles dem Karlsruher Publikum erhalten. Das ist eher ungewöhnlich. Welche Gründe hat das?

Firmbach: Wir haben uns zunächst in Karlsruhe viel angeschaut und haben hier ein sehr gutes Personal gesehen, das als Mannschaft auch gruppendynamisch sehr gut funktioniert. Dies nur aus Prinzip zu zerschlagen, wollten wir nicht, und haben den Spielerinnen und Spielern ein Angebot gemacht. Da wir verstärkt und auch quer durch alle Sparten für junge Menschen spielen wollen, haben wir verabredet, dass alle in Zukunft auch für das Junge Staatstheater spielen müssen. Das fanden alle toll, denn alle profitieren davon. Die Spieler, weil sie nirgends anders diese Direktheit der Reaktion spüren können, und das junge Publikum, weil wir die Qualität steigern können und nicht nur junge für junge spielen, was einen ganz anderen Horizont eröffnet.

Sang- und klanglos haben Sie die Sparte des Volkstheaters sterben lassen und setzen dagegen auf ein digitales Theater. Warum?

Firmbach: Der partizipative Prozess findet weiterhin statt. Wir werden eine eigenständige Vermittlungsabteilung schaffen, die in ihren Laboren und Projekten die gleiche Arbeit weiterführt, aber wir behaupten dies nicht als Sparte im Spielplan, deren Vorstellungen ja, mit Verlaub, vielfach katastrophale Besucherzahlen hatten. Das digitale Theater, das wir in Oldenburg während der Corona als Pioniere entwickelt haben, ist hingegen eine Aufgabe, die in allen möglichen Formaten und quer durch alle Sparten untersuchen wird, was Digitalisierung und KI für unser Leben bedeutet und wie wir das in die Theaterarbeit einbringen können. Das kann im Ballett zu einem Pas de deux mit einem Roboter führen, wir entwickeln ein Format zu Fake News, in dem die Zuschauenden sich mit ihren Handys beteiligen oder führen momentan Interviews mit Karlsruherinnen, woraus sich das Libretto für eine Oper entwickelt, die später im Stadtraum erlebbar ist. Auch das ist ein Angebot, das deutlich ein jüngeres Publikum ansprechen soll.